Auf Wiedersehen ISO 29990 — Hallo neue Möglichkeiten

Auf Wiedersehen DIN ISO 29990

2010 wurde die ISO 29990 erstmals veröffentlicht und stellte Anforderungen an Lerndienstleistungen der Aus- und Weiterbildung. Hierdurch sollten Lerndienstleister in der Entwicklung und Erbringung sowie Bewertung ihrer Dienstleistungen unterstützt werden. Die Norm stellte dabei in Kapitel 3 Anforderungen an die Lerndienstleistung und in Kapitel 4 Anforderungen an das Management des Lerndienstleisters. Damit ist die Norm nicht eindeutig als Service- oder Managementstandard einzuordnen — nicht zwingend mit der Normungsintention und der High Level Structure anderer Normen (ISO 9001, ISO 14001, …) vereinbar. Um weiterhin die Komplexität und Vielfältigkeit der globalisierten und internationalisierten Märkte zu berücksichtigen, wurden die ISO 29993 als Servicestandard und die ISO 21001 als Managementstandard entwickelt — miteinander kombinierbar, international, spezifisch und zukunftsfähig.

Vorteile und Neuerungen

Lerndienstleister und deren interessierte Parteien erhalten eine höhere Flexibilität im Umgang mit Normen und Standards der Bildungsbranche und können erstmalig verschiedene Normen perfekt kombinieren und abstimmen. Sowohl Managementstandards untereinander als auch Servicestandards und Managementstandards können verschiedenartig kombiniert werden, um dem Lerndienstleister und den interessierten Parteien die bestmögliche Hilfestellung geben zu können. Die High Level Structure, die zukünftig eine immer bedeutendere Rolle spielen dürfte, wird mit der ISO 29993 und der ISO 21001 keine Herausforderung mehr darstellen und die Zukunft und Anwendungssicherheit der Normen und Standards in der Bildungsbranche sicherstellen.

Was ist die DIN ISO 29990 nochmal?

Das Ziel der DIN ISO 29990 ist die Schaffung eines allgemeinen Qualitätsmodells für die berufliche Praxis und Leistungserstellung sowie einer gemeinsamen Referenz für Lerndienstleister und ihrer Kunden. Normanwender sollten in die Lage versetzt werden, Lerndienstleistungen zu planen, zu entwickeln und durchzuführen. Im Anschluss sollte es dem Normanwender möglich sein, die Durchführung und deren Ergebnisse zu evaluieren und Verbesserungen abzuleiten.

Weiterhin stellt die DIN ISO 29990 die Kompetenzen der Lerndienstleister in den Fokus. Hierdurch wird beabsichtigt, Interessenten zu unterstützen, den geeigneten Lerndienstleister auszuwählen, der den Bedürfnissen und Erwartungen am ehesten gerecht wird.

Zudem ist die DIN ISO 29990 nicht nur für Unternehmen geeignet, die Lerndienstleistungen als Kerndienstleistung betreiben. Auch Unternehmen anderer Branchen, die eine Abteilung der Aus- und Weiterbildung betreiben, profitieren von der DIN ISO 29990. Gängige Beispiele für die Aus- und Weiterbildung sind die Berufsausbildung, das lebenslange Lernen und innerbetriebliche Trainings (entweder außerhalb oder im Unternehmen).

Gliederung der DIN ISO 29990

Die DIN ISO 29990 unterscheidet in 4 Kapitel, wobei nur Kapitel 3 und Kapitel 4 Anforderungen an den Lerndienstleister stellen. Das Kapitel 3 der DIN ISO 29990 folgt in der Gliederung dem Deming-Zyklus (PDCA-Zyklus). Das bedeutet, dass zunächst Anforderungen an die Planung und Gestaltung einer Lerndienstleistung gestellt werden (Plan). Im Anschluss werden Anforderungen an die Umsetzung und Anforderungen an die Bewertung der Lerndienstleistung beschrieben (Do und Check). Der Verbesserungsaspekt wird in Kapitel 4 der DIN ISO 29990 aufgegriffen (Act). Die Gesamtgliederung der DIN ISO 29990 hat folgenden Aufbau:

  1. Anwendungsbereich
  2. Begriffe
  3. Lerndienstleistungen
    1. Bestimmen des Lernbedarfs
    2. Gestalten von Lerndienstleistungen
    3. Erbringen von Lerndienstleistungen
    4. Monitoring von Lerndienstleistungen
    5. Evaluation durch Lerndienstleister
  4. Management des Lerndienstleisters
    1. Allgemeine Managementanforderungen
    2. Strategie und Managementanforderungen
    3. Managementbewertung
    4. Vorbeugende Maßnahmen und Korrekturmaßnahmen
    5. Finanzmanagement und Risikomanagement
    6. Personalmanagement
    7. Kommunikationsmanagement (intern/extern)
    8. Ressourcenbereitstellung
    9. Interne Audits
    10. Feedback von interessierten Parteien

Wie sollte ein Unternehmen vorgehen?

Wie der Info-Broschüre des ISO-Technischen Komitees 232 zu entnehmen ist, befindet sich die ISO 29990 in einer Übergangsphase. Gegenwärtig ist die Norm nach wie vor als ideale Grundlage für Unternehmen der Bildungsbranche geeignet. Auch Zertifizierungen können bedenkenlos angestrebt werden. Doch was gilt es zu beachten? Florian Mai, Senior Consultant und geschäftsführender Gesellschafter der Incession UG (haftungsbeschränkt), arbeitet ehrenamtlich als Chairman des ISO-Technischen Komitees 232 und gibt folgende Empfehlung:

Globale Bedeutsamkeit einer einheitlichen Strategie – Unternehmensberatungen aus Beijing (China) und Dresden (Deutschland) gehen gleiche Wege

„Die ISO 29990 ist eine weit-bekannte, internationale Norm und konnte sich in den vergangenen Jahren tausendfach bewähren. Sowohl die normanwendenden Unternehmen, als auch die interessierten Parteien und Zertifizierungsgesellschaften sind mit der Norm vertraut und schätzen diese. Dennoch ist auch die nationale und internationale Normung durch DIN und ISO bestrebt, stetig vorhandene Normen und Standards zu verbessern. Nichts ist beständiger als der Wandel – getreu diesem Motto sollten auch bestehende und neue Normen und Standards auf sich verändernde Umwelteinflüsse eingehen. Die globalen Mega-Trends wie Digitalisierung, Internationalisierung, Globalisierung und der demographische Wandel haben einen entscheidenden Einfluss auf die Normung. So musste zwangsläufig eine Anpassung der Anforderungen der ISO 29990 in Betracht gezogen werden. Eine entscheidende Neuerung auf ISO-Ebene ist die High Level Structure (übergeordnete Struktur und einheitliche Anforderungen). Nach meiner Meinung, eine der besten Eigenschaften zukünftiger Normen. Da die ISO 29990 sowohl Elemente eines Management- wie auch eines Servicestandards beinhaltete, musste demnach auch hierbei eine langfristige und zukunftssichere Lösung gefunden werden.“

Welchen Rat gibt Florian Mai einem Unternehmen, welches ein Qualitätsmanagementsystem in der Bildungsbranche einführen möchte?

„Das hängt stark von den Erwartungen des Unternehmens ab! Was will das Unternehmen mit dem Qualitätsmanagementsystem bewirken? Welche Ziele werden verfolgt? Ist eine Zertifizierung geplant? Grundsätzlich würde ich empfehlen, direkt die DIN ISO 29993 als Servicestandard zu verwenden. Diese kann dann entsprechend der Anforderungen des Unternehmens mit weiteren geeigneten Normen beliebig kombiniert werden, zum Beispiel:

  • Kapitel 4 der DIN ISO 29990:2010
  • ISO 21001:2018
  • DIN EN ISO 9001:2015″

Welchen Rat gibt Florian Mai einem Unternehmen, welches ein bestehendes Qualitätsmanagementsystem nach DIN ISO 29990 besitzt?

„Auch in diesem Fall sind die Erwartungen des Unternehmens maßgeblich. Sowohl die Aufrechterhaltung, als auch die Kombination oder eine gesamte Umstellung kann sinnvoll sein. Auch wenn die Normen und Standards oftmals den Eindruck erwecken, eine steife und einheitliche Welt kreieren zu wollen, ist das ganz und gar nicht der Fall. Fast alle Normen und Standards sind in der Auslegung so variabel und universell gestaltbar, dass kaum Grenzen gesetzt sind. Die einzelnen Gestaltungsmöglichkeiten sollten allerdings unbedingt mit einem Kompetenzträger besprochen werden. Das kann in einem stark eingeschränkten Rahmen eine Zertifizierungsgesellschaft sein (Zertifizierungsgesellschaften dürfen nicht beratend tätig sein), ein anderes Unternehmen, welches Kenntnisse über die Norm hat oder eine Beratungsgesellschaft.“